Ahn Jael

Als Ahn Jael endlich zu mir kam – obwohl, er behauptet ja, mir schon von Anfang an zur Seite gestanden zu haben -, da verlor ich den Glauben daran, dass die Dinge eben so sind, wie sie sind. Zufälle waren für mich bis dahin nur bizarre Verknüpfungen von Ereignissen, die eben irgendwie aufeinander prallen. Ahn hat mich eines Besseren belehrt. Und das kam so:

Vor fast einem Jahr wünschte ich mir in der Silvesternacht, dass doch endlich, endlich alles gut werden solle. Ich war unglücklich, schon eine ganze Zeit lang. Und ich war müde, so unendlich müde. Also sandte ich ein Gebet in den dunklen Nachthimmel. Es stieg auf aus dem tiefsten Grund meines Herzens, auch, weil ich wirklich nicht mehr wusste, was ich sonst noch hätte tun können. Gebete sind eigentlich nicht so mein Ding, aber an Silvester soll ja so einiges möglich sein und der Beginn eines neuen Jahres wäre doch ein guter Anfang, so meinte ich. Auch wenn ich keineswegs fest daran glaubte.

So saß ich damals draußen und als dann eine Sternschnuppe hell aufleuchtete, dachte ich, na prima, wenn das nicht hilft, dann weiß ich auch nicht mehr. Kitsch as catch can. Und musste lächeln, trotz der Tränen, die mir die Wangen hinunterliefen, als hätten sie es eilig. 

Und eilig ging ich dann auch wieder hinein, die Party war in vollem Gange. Ich angelte mir ein weiteres Glas Sekt und wollte nur noch vergessen, wenigstens heute. Als sich ein Typ zu mir gesellte und meinte, ich sehe unglücklich aus und es würde mir nicht stehen, funkelte ich ihn böse an. Eingebildeter Kerl, dachte ich, nimm erstmal deinen Heiligenschein ab, bevor du mit mir Tacheles redest. Er hatte in der Tat so ein glitzerndes wippendes Etwas auf dem Kopf und sein T-Shirt schmückten aufgedruckte Flügel. Spinner! 

Aber so schnell wurde ich ihn nicht los. Er strahlte mich mit einem entwaffnenden Schmunzeln an, stupste seinen Zeigefinger an meine Stirn und sprach: „Hör auf damit. Höre lieber darauf!“ Und sein Finger wanderte ein ganzes Stück tiefer. Dann ließ er mich stehen, vielleicht, weil meine Unmutsfalte zwischen den Augenbrauen noch tiefer geworden war. Auf seinem Rücken las ich: Jean Arc. Und vergaß es wieder.

Im März regte ich mich im Geschäft mal wieder so dermaßen auf, dass ich spontan die Kündigung schrieb. Es war einfach genug. Genug der Unzufriedenheit, des Kleinbeigebens und, obwohl ich noch nichts Neues in Aussicht hatte, eine große Genugtuung. Typisch, meinten meine Uraltängste, immer mit dem Kopf durch die Wand. Und jetzt kommt HartzIV.

Kam aber dann doch nicht, denn der neue Job bog schneller um die Ecke, als gedacht. Ich fand ihn, als ich in der S-Bahn mit einem Mann ins Gespräch kam und er mir einen Tipp gab. Er sah aus wie ein typischer Beamter, nur das Logo auf seiner Aktentasche, ein fliegender Engel mit Schwert und Schild, irritierte mich kurzzeitig. Dann war anderes wichtiger. 

Der Nachbarschaftsstreit eskalierte im Juni. Diesmal war es mein Vermieter, der die Kündigung schrieb. Mein Garten wäre zu unordentlich, ich würde ständig die Kehrwoche vergessen und überhaupt, ich passe nicht ins Haus. Würden die Nachbarn sagen. Nun gut. Nicht gut. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt war katastrophal. Meine finanziellen Möglichkeiten noch katastrophaler. 

Mein Zahnarzt, Dr. Engelhardt, der die Angewohnheit hat, mit seinen Patienten erst einmal ein trautes, Vertrauen förderndes Gespräch zu führen, bevor er zum Unangenehmen kommt, riet mir, eine Suchanzeige aufzugeben. Gesagt, getan. Im internet natürlich, das macht man heute so, und auch mit Foto, womit der zukünftige Vermieter angemessen zu beeindrucken sei. Immerhin sechs Leute meldeten sich. Alles Herren, die mich interessant fanden, nur leider keine Wohnung zu vermieten hatten. 

Der Siebente, so sagte ich mir, schon deutlich hoffnungsgedämpft, der Siebente wird der Richtige sein. Das ist schließlich eine magische Zahl. Und so kam es dann auch. Ein altes Haus, wenig ansehnlich von außen, innen dagegen komplett saniert und ausgebaut, eine Wahnsinnswohnung unterm Dach, dem Himmel also ein Stück näher, als ich es bisher gewohnt war. Am Ortsrand gelegen, Wald um die Ecke, ein verwilderter Garten und: Keine Nachbarn im Haus. Keine Kehrwoche. Kein Stress. 

Nun neigt sich das Jahr dem Ende zu. Alles ist anders, als im letzten. Besser. Der nette ältere Herr in dem Hutzelhaus nebenan, mit dem ich hin und wieder über den Gartenzaun hinweg palavere, meinte, manchmal muss erst alles schlechter werden, bevor es besser werden kann. Bis man sich aufraffen kann, will und es auch endlich tut. Und man lernt eher aus seinen Niederlagen, als aus den Erfolgen. Hinweise wären immer da, wir sehen sie nur nicht, oder wollen sie nicht sehen. Mann, Weisheit kann ganz schön anstrengend sein, besonders, wenn man denjenigen mag, der sie verteilt. Weil man ja so gerne glänzen möchte vor dem anderen.

Apropos glänzen, mein neuer Nachbar, besagter älterer Herr, hat eine wunderschöne Wetterfahne auf seinem Dach. „Amor“, sagte er zwinkernd, als ich ihn danach fragte, „wohnt schon lange bei mir. Ich habe ihn von einem meiner Ahnen bekommen, vor vielen Jahren. Erst fand ich ihn kitschig, so einen Engel mit Pfeil und Bogen auf dem Dach zu haben, ist schon speziell. Aber er hat mir nur Glück gebracht. Ahn Jael war ein feiner Kerl. Ist weit gereist in seinem Leben, war sogar schon in Jerusalem. Und hat mit Antiquitäten gehandelt. Hier, ich habe was für dich.“

Sprachs und verschwand im Haus, um mit einem kleinen Holzkästchen wieder aufzutauchen. Als er es mir in die Hand drückte, zwinkerte er verschmitzt: „Das kommt von weit her und war doch nie fort.“ Solche Worte höre ich oft von ihm und sie bewirken, dass das Geplapper in meinem Kopf verstummt. Zumindest für den Moment. 

Das nächste Silvester naht. Ich werde wieder nach draußen gehen in der letzten Nacht des Jahres und einen Dank hinaussenden in den Nachthimmel. Vielleicht lässt sich wieder eine Sternschnuppe blicken. Nicht, dass ich sie brauchen würde. Es geht mir so viel besser. Ich bin zufrieden. Wunschlos. Fast. Da ist noch ein kleines Ziehen in der Nähe meines Herzens. Eine letzte leere Kammer, die noch gefüllt werden möchte. 

Ahn Jael war stets bei mir gewesen. Er wohnt in den Federn, die ich auflas, wenn ich vor meinem Unglücklichsein in den Wald geflohen bin, er ist in den Greifen, bei deren Anblick ich stets stehen blieb und ihnen nachsah, er ist die Musik des Geige spielenden Engels im blutroten Kleid auf dem Poster, das ich aus einer Laune heraus kaufte, er glitzert im kleinen altmodischen Rauschgoldengel, der jedes Jahr dem Tannenbaum unbedingt die Spitze krönen musste, er ist die Haltung des Marmorengels auf dem alten Friedhof, dessen Anblick mich so wehmütig werden ließ jedes einzelne Mal, wenn ich an ihm vorüberging.

Vorübergehen – das ist mein Stichwort. Es geht etwas vor und über in etwas anderes. Manchmal fühlt es sich besser an und manchmal auch nicht. Aber so ist es eben – alles ist Wandel. Meine Ahnen sind schon auf dieser Welt gewandelt und manchmal lässt sich einer von ihnen blicken. Ahn Jael zum Beispiel. Denn in dem kleinen Kästchen lag ein Zettel, auf dem in altmodischen Buchstaben ganz neumodisch stand: „Na, meine Liebe? Sind die Unmutsfalten verschwunden? Ps: Du hast so hübsche Augenbrauen! :-))“

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2017